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Unterm Birnbaum

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"Na bereden Se’t nich, Hradscheck. Nei, nei. Man sall nix bereden. Ook sien Glück nich." Und damit ließ sie den Nachbar stehen und humpelte wieder auf ihr Haus zu. Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl Grund dazu. War doch die  Jeschke,  so  freundlich  und  zutulich  sie  tat,  eine  schlimme  Nachbarschaft  und  quacksalberte nicht  bloß,  sondern  machte  auch  sympathetische  Kuren,  besprach  Blut  und  wußte,  wer  sterben würde. Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehen. Und es hieß auch, "sie  wisse,  wie  man  sich  unsichtbar  machen  könne",  was,  als  Hradscheck  sie  seinerzeit  danach gefragt  hatte,  halb  von  ihr  bestritten  und  dann  halb  auch wieder  zugestanden  war.  "Sie  wisse es nicht;  aber  das  wisse  sie,  daß  frisch  ausgelassener  Lammtalg  gut  sei,  versteht  sich:  von  einem ungeborenen  Lamm  und  als  Licht  über  einen  roten  Wollfaden  gezogen;  am  besten  aber  sei Farnkrautsamen, in die Schuhe oder Stiefel geschüttet". Und dann hatte sie herzlich gelacht, worin Hradscheck  natürlich  einstimmte.  Trotz  dieses  Lachens  aber  war  ihm  jedes  Wort,  als  ob  es  ein Evangelium   wär,   in   Erinnerung   geblieben,   vor   allem   das   "ungeborene   Lamm"   und   der "Farnkrautsamen". Er glaubte nichts davon und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so nach dem Gespräch über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr. Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem Morgengeplauder über die "Tüffeln" und die "Malvesieren", in ihrem Hause verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: "Wenn een’s Glück hebben soll. Na, Se hebben’t joa, Hradscheck. Awers bereden Se’t nich."  Ja,  so  waren  ihre  Worte  gewesen.  Und  was  war  mit  dem  allem  gemeint?  Was  sollte  dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es Neid, oder wußte sie’s besser? Hatte sie doch vielleicht mit ihrem Hokuspokus ihm in die Karten geguckt? Während   er   noch   so   sann,   nahm   er   den   Spaten   wieder   zur   Hand   und   begann   rüstig weiterzugraben. Er warf dabei ziemlich viel Erde heraus und war keine fünf Schritte mehr von dem alten Birnbaum, auf den der Ackerstreifen zulief,  entfernt, als er auf etwas strieß, das unter dem Schnitt  des  Eisens  zerbrach  und  augenscheinlich  weder  Wurzel  noch  Stein  war.  Er  grub  also vorsichtig  weiter  und  sah  alsbald,  daß  er  auf  Arm  und  Schulter  eines  hier  verscharrten  Toten gestoßen war. Auch Zeugreste kamen zutage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen sein müsse. Wie kam der hierher? Hradscheck  stützte  sich  auf  die  Krücke  seines  Grabscheits  und  überlegte.  "Soll  ich  es  zur Anzeige bringen? Nein. Es macht bloß Geklätsch. Und keiner mag einkehren, wo man einen Toten unterm Birnbaum gefunden hat. Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen." Und  damit  warf  er  den  Armknochen,  den  er  ausgegraben,  in  die  Grube  zurück  und  schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht,  sondern  wurden  Pläne,  die  Besitz  von  ihm  nahmen  und  ihn,  ihm  selbst  zum  Trotz,  an  die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu tun hatte, war getan, es gab nichts mehr zu graben und zu schütten; aber immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah sich um, als ob er bei böser Tat ertappt worden wäre. Und fast war es so. Denn unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) umdrängten ihn so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lugte wirklich nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke war nicht da. Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Tote sehen konnte, Tote, die noch nicht tot waren, warum sollte sie nicht die Gestalten sehen, die jetzt  vor  seiner  Seele  standen?  Ein  Grauen  überlief  ihn,  nicht  vor  der  Tat,  nein,  aber  bei  dem Gedanken, daß das, was erst Tat werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und verraten war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den Spaten wieder in den Boden stieß. "Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere hinters Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer und ihrer ganzen Totenguckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht einen Sarg an der Tür stehn, und dann stirbt einer. Ja, sie sagt es, aber sagt es immer erst, wenn einer tot ist oder keinen Atem mehr hat oder das Wasser ihm schon ans Herz stößt.  Ja,  dann  kann  ich  auch  prophezei’n.  Alte  Hexe,  du  sollt   mir  nicht  weitere  Sorge  machen. 6
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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