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Unterm Birnbaum

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Hradscheck gewöhnte sich an solchen Beifall, und wenn es sich auch gelegentlich traf, daß er bei seinem  Berliner  Aufenthalte,  während  dessen  er  allemal  eine  goldene  Brille  trug,  keine  Novität gesehen hatte, so kam er doch nie mit leeren Händen zurück, weil er sich nicht eher zufrieden gab, als  bis  er  an  den  Schaufenstern  der  Buchläden  irgendwas  Komisches  und  unbändig  Witziges ausgefunden  hatte.  Das  hielt  auch  nie  schwer,  denn  es  war  gerade  die  "Glaßbrenner-  oder Brennglas-Zeit", und wenn es solche Glasbrenner-Geschichten nicht sein konnten, nun so waren es Sammlungen alter und neuer Anekdoten, die damals in kleinen dürftigen Viergroschen-Büchelchen unter allerhand Namen und Titeln, so beispielsweise als "Brausepulver", feilgeboten wurden. Ja, diese  Büchelchen  fanden  bei  den  Tschechinern  einen  ganz  besonderen  Beifall,  weil  die  darin erzählten Geschichten immer kurz waren und nie lange auf die Pointe warten ließen, und wenn das Gespräch mal stockte, so hatte Kunicke den Stammwitz: "Hradscheck, ein Brausepulver." Es war Anfang Oktober, als Hradscheck wieder mal in Berlin war, diesmal auf mehrere Tage, während er sonst immer den dritten Tag schon wieder nach Hause kam. Ede, der mittlerweile das Geschäft versah, paßte gut auf den Dienst, und nur in der Stunde von eins bis zwei, wo sich kaum ein  Mensch  im  Laden  sehen  ließ,  gefiel  er  sich  darin,  den  Herrn  zu  spielen  und,  ganz  so  wie Hradscheck zu tun pflegte, mit auf den Rücken gelegten Händen im Garten auf und ab zu gehen. Das  tat  er  auch  heute  wieder,  zugleich  aber  rief  er  nach  Jakob  und  trug  ihm  auf,  und  zwar  in ziemlich  befehlshaberischem  Tone,  daß  er  einen  neuen  Reifen  um  die  Wassertonne  legen  solle. Dann sah er nach den Starkästen am Birnbaum und zog einen Zweig zu sich herab, um noch eine der  nachgereiften  "Franzosenbirnen"  zu  pflücken.  Es  war  ein  Pra chtexemplar,  in  das  er  sofort einbiß. Als er aber den Zweig wieder los ließ, sah er, daß die Jeschke drüben am Zaune stand. "Dag, Ede." "Dag, Mutter Jeschke." "Na, schmeckt et?" "I worümm nich? Is joa ne Malvasier." "Joa. Vördem wihr et ne Malvesier. Awers nu …" "Nu is et ne ›Franzosenbeer‹. Ick weet woll. Awers dat’s joa  all een." "Joa, wer weet, Ede. Doa is nu so wat mang. Heste noch nix maarkt?" Der Junge ließ erschreckt die Birne fallen, das alte Weib aber bückte sich danach und sagte: "Ick meen joa nich de Beer. Ick meen sünnsten." "Wat denn? Wo denn?" "Na, so rümm um’t Huus." "Nei, Mutter Jeschke." "Un ook nich unnen in’n Keller? Hest noch nix siehn o’r hürt?" "Nei, Mutter Jeschke. Man blot …" "Un grappscht ook nich?" Der Junge war ganz blaß geworden. "Joa, Mutter Jeschke, mal wihr mi so. Mal wihr mi so, as hüll mi wat an de Hacken. Joa, ich glöw, et grappscht." Die Jeschke sah ihren Zweck erreicht und lenkte deshalb geschickt wieder ein. "Ede, du bist ne Bangbüchs. Ick hebb joa man spoaßt. Is joa man all dumm Tüg." Und damit ging sie wieder auf ihr Haus zu und ließ den Jungen stehen. Drei Tage danach war Hradscheck wieder aus Berlin zurück, in vergnüglicherer Stimmung als seit  lange,  denn  er  hatte  nicht  nur  alles  Geschäftliche  glücklich  erledigt,  sondern  auch  die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, die sich seiner Person wie seinen Heiratsplänen geneigt gezeigt hatte. Diese junge Dame war die Tochter aus einem Destillationsgeschäft, groß und stark, mit etwas hervortretenden, immer lachenden Augen, eine Vollblut-Berlinerin. "Forsch und fidel" war ihre Losung, der auch ihre Lieblingsredensart: "Ach, das ist ja zum Totlachen" entsprach. Aber dies  war  nur  so  für  alle  Tage.  Wurd  ihr  dann  wohliger  ums  Herz,  so  wurden  es  auch  ihre Redewendungen, und sie sagte dann: "I da muß ja ‘ne alte Wand wackeln", oder "Das ist ja gleich, um  einen  Buckel  zu  kriegen."  Ihr  Schönstes  waren  Landpartien  einschl ießlich  gesellschaftlicher Spiele,   wie   Zeck   oder   Plumpsack,   dazu   saure   Milch   mit   Schwarzbrot   und   Heimfahrt   mit 52
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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