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Unterm Birnbaum

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Als  er  das  vorige  Mal  in  ihrer  Mitte  weilte,  war  es  ein  paar  Wochen  vor  Ausbruch  der Insurrektion   gewesen.   Alles,   was   er   damals   als   nahe   bevorstehend   prophezeit   hatte,   war eingetroffen  und  lag  jetzt  zurück,  Ostrolenka  war  geschlagen  und  Warschau  gestürmt,  welchem Sturme der zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum mindesten als Augenzeuge, vielleicht auch  als  Mitkämpfer  (er  ließ  dies  vorsichtig  im  Dunkel)  beigewohnt  hatte.  Das  alles  traf  sich trefflich für unsere Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen Heldentaten, wie nicht minder in Schilderung    der    Grausamkeiten,    deren    sich    die    Russen    schuldig    gemacht    hatten.    Eine Hauserstürmung  in  der  Dlugastraße,  just  da,  wo  diese  mit  ihren  zwei  schmalen  Ausläufern  die Weichsel berührt, war dabei sein Paradepferd. "Wie    hieß    die    Straße?"    fragte    Mietzel,    der    nach    Art    aller    verquienten    Leute    bei Kriegsgeschichten immer hochrot wurde. "Dlugastraße",   wiederholte   Szulski   mit   einer   gewissen   gekünstelten   Ruhe.   "Dluga,   Herr Mietzel.  Und  das  Eckhaus,  um  das  es  sich  in  meiner  Geschichte  handelt,  stand  dicht  an  der Weichsel,   der   Vorstadt   Praga   grad’   gegenüber,   und   war   von   unseren   Akademikern   und Polytechnikern  besetzt,  das  heißt  von  den  wenigen,  die  von  ihnen  noch  übrig  waren,  denn  die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indes, was von ihnen noch lebte, das steckte  jetzt  in  dem  vier  Etagen  hohen  Hause,  von  Treppe  zu  Treppe  bis  unters  Dach.  Auf  dem abgedeckten   Dach   aber   befanden   sich   Frauen   und   Kinder,   die   sich   hier   hinter   Balkenlagen verschanzt  und  mit  herangeschleppten  Steinen  bewaffnet  hatten.  Als  nun  die  Russen,  es  war  das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst, immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder. Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Tür, stießen sie mit Kolben ein und sprangen die Treppe hinauf. Immer höher zogen sich unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen. Da sah ich jeden Einzelnen so deutlich vor mir, wie ich Sie jetzt sehe, Bauer Mietzel" – dieser fuhr zurück –  "denn  ich  hatte  meine  Wohnung  in  dem  Hause  gegenüber,  und  sah,  wie  sie  die  Konfederatka schwenkten, und hörte, wie sie unser Lied sangen: ›Noch ist Polen nicht verloren.‹ Und bei meiner Ehre, hier, an dieser Stelle, hätten sie sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich, von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre, ein Hämmern und Schlagen sag ich, wie von Äxten und Beilen." "Wie? Was? von Äxten und Beilen?" wiederholte Mietzel, dem sein bißchen Haar nachgerade zu Berge stand. "Was war es?" "Ja, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch da, jetzt eine Bresche, und  durch  die  Bresche  hin  drang  das  russische  Regiment  auf  den  Dachboden  vor.  Was  ich  da gesehen habe, spottet jeder Beschreibung. Wer einfach niedergeschossen wurde, konnte von Glück sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung, denn dergleichen ist vorgekommen, nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und stürzte sich mit ihnen in den Fluß." "Alle Wetter", sagte Kunicke, "das ist stark! Ich habe doch auch ein Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Späne. So war es bei Möckern, und ich sehe noch unsren alten Krosigk, wie der den Marinekaptän über den Haufen stach, und wie dann das Kolbenschlagen losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinder! Alle Wetter, Szulski, das ist scharf. Is es denn auch wahr?" "Ob es wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Aufschneider, Herr Kunicke. Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich gesehn habe, das hab ich gesehn, und eine Tatsache bleibt eine Tatsache, sie sei wie sie sei. Die Dame, die da herunter sprang, und ich schwör Ihnen, meine Herren, es war eine Dame, war eine schöne Frau, keine sechsunddreißig, und so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich hätt ihr was Bessres gewünscht, als diese naßkalte  Weichsel." Kunicke   schmunzelte,   während   der   neben   anderen   Schwächen   und   Leiden   auch   an   ei ner Liebesader  leidende  Mietzel  nicht  umhin  konnte,  seiner  nervösen  Erregtheit  plötzlich  eine  ganz 16
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
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