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Unterm Birnbaum

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VIERTES KAPITEL Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme Tage, so daß man sich im Freien aufhalten und die Hradschecksche Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil sie nicht nur ein gutes waagerechtes Laufbrett, sondern auch ein bequemes Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige Guckfenster hatte. Das gelbe  sah  auf  den  Garten  hinaus,  das  blaue  dagegen  auf  die  Dorfstraße  samt  dem  dahinter  sich hinziehenden Oderdamm, über den hinweg dann  und wann der Fluß selbst aufblitzte. Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die neumärkische Heide. Es  war  halb  vier,  die  Kugeln  rollten  schon  seit  einer  Stunde.  Der  zugleich  Kellnerdienste verrichtende Ladenjunge lief hin und her, mal Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftesten aber neugestopfte Tonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen in die klare Herbstluft hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten Kienitz herübergekommen, der Rest echte  Tschechiner:  Ölmüller,  Quaas,  Bauer  Mietzel  und  Bauer  Kunicke.  Hradscheck,  der,  von Berufs wegen, mit dem Schreib- und Rechenwesen am besten Bescheid wußte, saß vor einer großen schwarzen Tafel, die die Form eines Notenpultes hatte. "Kunicke steht wieder am besten." "Natürlich, gegen den kann keiner." "Dreimal acht um den König." Und nun begann ein sich Überbieten in Kegelwitzen. "Er kann hexen", hieß es. "Er hockt mit der Jeschke zusammen." "Er spielt mit falschen Karten." "Wer so viel Glück hat, muß Strafe zahlen."  Der,  der  das  von  den  "falschen  Karten"  gesagt  hat,  war  Bauer  Mietzel,  des  Ölmüllers Nachbar,  ein  kleines  aufgetrocknetes  Männchen,  das  mehr  einem  Leineweber  als  einem  Bauern glich. War aber doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der Schwind war. "Wer schiebt?" "Hradscheck." Dieser  kletterte  jetzt  von  seinem  Schreibersitz  und  wartete  gerad’  auf  seine  die  Lattenrinne langsam   herunter   kommende   Lieblingskugel,   als   der   Landpostbote   durch   ein   auf   die   Straße führendes Türchen eintrat und einen großen Brief an ihn abgab; Hradscheck nahm den Brief in die Linke,  packte  die  Kugel  mit  der  Rechten  und  setzte  sie  kräftig  auf,  zugleich  mit  Spannung  dem Lauf derselben folgend. "Sechs!"  schrie  der  Kegeljunge,  verbesserte  sich  aber  sofort  als  nach  einigem  Wackeln  und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel. "Sieben also!" triumphierte Hradscheck, der sich bei dem Wurf augenscheinlich etwas gedacht hatte. "Sieben geht", fuhr er fort. "Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich und schreib an. Will nur das Porto zahlen." Und damit nahm er den Briefträger unterm Arm und ging mit ihm von der Gartenseite her ins Haus. Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spiel und Gäste vergessen zu haben schien, war Hradscheck. Kunicke hatte schon zum dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hineinführte. Der Junge kam auch. "Hradscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach flink!" Und   sieh,   gleich   danach   erschien   auch   der   Gerufene,   hochrot   und   aufgeregt,   aber,   allem Anscheine  nach,  mehr  in  heiterer  als  verdrießlicher  Erregung.  Er  entschuldigte  sich  kurz,  daß  er habe warten lassen, und nahm dann ohne weiteres eine Kugel um zu schieben. "Aber du bist ja gar nicht dran!" schrie Kunicke. "Himmelwetter, was ist denn los? Und wie der Kerl   aussieht!   Entweder   is   ihm   eine   Schwiegermutter   gestorben   oder   er   hat   das   große   Los gewonnen." Hradscheck lachte. 11
  
Unterm Birnbaum: Texte und Materialien
von Theodor Fontane
Siehe auch:
Unterm Birnbaum
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Grete Minde (insel taschenbuch)
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Die Poggenpuhls
L' Adultera: (Berliner Frauenromane)
 
   
 
     
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